• Daniela

Betteln erlaubt?


Läuft man vom Osloer Bahnhof der schönen und für Touristen attraktiven Strasse Karl Johans Gate entlang, kommt man irgendwann zum repräsentativen Schloss der norwegischen Königsfamilie und kann danach in einem prächtigen Park verweilen.

Doch nicht nur Touristen haben diese schöne Allee für sich entdeckt. Rund um den Bahnhof und entlang der gesamten Strasse sind unzählige Bettler zu sehen. Meist sitzen sie armselig auf einem Stück Karton oder auf ein paar Lumpen, vor sich einen Becher, im Blick die stille Aufforderung an die Vorübergehenden, ein paar Münzen zu spenden. Selten spielen sie Akkordeon, praktisch nie bieten sie etwas zum Kaufen an. Bettler eben.

Dass es in einem reichen Land wie Norwegen so viele Bettler auf der Strasse gibt, erstaunte mich, verfügen Roma’s (und die meisten scheinen Roma’s zu sein) über einen Minoritätenstatus und Norwegen über ein gut ausgebautes Sozialsystem. Tatsächlich hat die Osloer Regierung schon verschiedentlich über ein Verbot von Bettlerei diskutiert. Und – erstaunlicherweise waren gerade Sozialarbeitende vehement gegen ein solches Verbot, was mich wiederum zum Sinnieren bringt. Sie begründen dies unter anderem damit, dass die Leute so zu einem Einkommen kämen, dass man sie deshalb lieber betteln lassen solle.

In Zürich und Basel sehe ich selten Bettler. Betteln auf öffentlichem Grund ist verboten. Im Art. 9 des Zürcher kantonalen Straf- und Justizvollzugsgesetzes (StJVG) steht: Wer bettelt oder Kinder oder Personen, die von ihr oder ihm abhängig sind, zum Betteln schickt, wird mit Busse bestraft. Ab und zu tauchen «Roma-Bettler" auf, doch verschwinden sie rasch wieder aus dem Strassenbild. Oder besser: verschwanden, denn nach den neusten Berichten werden immer mehr Verzeigungen wegen Bettlerei erhoben, alleine 520 bis diesen Sommer, so berichtete der Tages-Anzeiger im August 2016. Jetzt im Winter hat sich die Situation wieder geändert.

Man kann kritisieren, dass die schweizerischen Städte mit einem solchen Verbot marginalisierte Gruppen wie Bettler, Alkoholiker oder Drogenabhängige aus dem öffentlichen Raum halten und so ein properes, touristenfreundliches Bild abgeben. Das hat etwas für sich. Und trotzdem kann ich dem nichts abgewinnen, Menschen in unwürdigen Lebenssituationen zu belassen ohne Alternativen zu bieten, insbesondere in reichen Ländern. Ebenso wenig kann man in unseren Breitengraden geltend machen, was die senegalesische Schriftstellerin Aminata Sow in ihrem kleinen Roman Der Streik der Bettler so schön beschrieben hat, wie die Reichen von den Armen abhängig sind- weil sie nämlich jemanden brauchen, an dem sie eine "gute Tat", gemeint ist eine Geldspende, vollbringen können. Und das einfach und jeden Tag, weil Bettler in Senegal überall sind. Dass sie damit nicht ganz uneigennützig handeln, wird rasch sichtbar.

Um auf das Beispiel von Oslo zurückzukommen: Wäre es nicht besser, Sozialarbeitende würden sich zusammentun und gemeinsam überlegen, was ihre Rolle sein könnte? Ist es nicht ein Auftrag Sozialer Arbeit, Lebensumstände von Benachteiligten zu verbessern? Benachteiligte in einen Veränderungs-prozess einzubeziehen? Das mag jetzt vielleicht idealistisch klingen, und tatsächlich nehmen viele der Bettler, die in einigen Schweizerstädten von SIP-Mitarbeitenden (Sicherheit-Information-Prävention) angesprochen werden, das Angebot der Nothilfe nicht in Anspruch. Und ja, das Thema der Bettelei ist komplex und herausfordernd, insbesondere wenn es sich um Fahrende handelt oder gar um organisierte Bettlerbanden. Doch dann bewegen wir uns schon bald in einem möglicherweise kriminalisierten Raum (Stichworte: Menschenhandel etc.).

Vielleicht weisen die Initiatoren des Strassenmagazins Surprise (http://www.vereinsurprise.ch/ ) einen Weg. Seit Jahren engagieren sie sich für die Bedürftigsten der Gesellschaft, für Obdachlose und Randständige, und schaffen Möglichkeiten, mit der Armut in Würde zu leben oder gar wieder Fuss zu fassen. Ohne betteln zu müssen.

Mit der hohlen Hand durch Zürich, TA, 10.8.16

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