Wie politisch kann Sozialpädagogik sein? Eindrücke aus Brasilien

April 23, 2017

Ich sitze am Flughafen von Sao Paolo und warte auf meinen Flug nach Zürich. Sechs Tage habe ich hier verbracht, habe an Sitzungen, Generalversammlung und der Weltkonferenz der Sozialpädagogen und –pädagoginnen teilgenommen. Nachdenklich gehe ich meine Notizen durch. Noch nie habe ich eine Konferenz besucht, die so sehr vom politischen (Krisen)klima geprägt war und bei der sämtliche Panelbeiträge von einer kämpferischen Stimmung gefärbt waren und ich mich oft fragte, ok, und was hat das nun mit Sozialpädagogik oder Social Education zu tun? Manche Beiträge, vor allem am letzten Tag, waren eigentliche politische Kampagnenbeiträge. Irgendwann dann doch noch der Aufruf, dass Sozialedukatoren auch wissenschaftliche Theorien einbeziehen müssen, um den Problemen begegnen zu können. Tatsächlich ist die Frage von Theorie und Praxis eine wesentlich andere hier in Brasilien, als in der Schweiz und deutschsprachigen Regionen Europas. Wie mir eine brasilianische Professorin versicherte, gibt es keine Ausbildung zum Educatores Sociais (Sozialpädagoge) auf universitärer Stufe. So habe ich zum Beispiel mit einem Kollegen darüber gesprochen, der meinte, er sei nicht wirklich dafür, dass man die Ausbildung institutionalisiere, wichtiger seien die persönlichen Werte und Normen, die jemand mitbringe, der oder die mit Menschen sozialpädagogisch arbeiten wolle. Damit wären wir wohl wieder am Anfang der Auseinandersetzung zur Frage der Professionalisierung Sozialer Berufe.

 

Die grossen Werke Paolo Freires, des grossen Vorreiters und Idols (nicht nur) der brasilianischen Educatores sociais, wirken nach und werden häufig zitiert. Soziale Bewegungen sind eines der wirkungsvollsten Mittel um Druck auf die, vor allem mit sich selbst beschäftigte Regierung auszuüben. Die brasilianische Bevölkerung steht vielen Problemen gegenüber, soziale Erungenschaften, für die jahrelang gekämpft wurde, sind bereits beschnitten oder abgeschafft, die Lebensbedingungen sind massiv härter geworden. Hier sind auch Sozialarbeitende gefragt: nicht nur in der Bearbeitung sozialer Probleme einzelner Individuen, sondern viel mehr indem sie ihr Wissen, ihr Können und ihre Vernetzung einer Bewegung zur Verfügung stellen, die die politischen und kulturellen Erungenschaften der Menschen verteidigt und einfordert. In diesem Sinne wird es sich vielleicht als sinnvoll erweisen, dass Educatores Sociais so politisch auftreten - auch wenn die akademische Anerkennung des Berufes noch aussteht. 

 

Doch was meint ihr dazu? In wie weit haben Professionalisierung und die Unterstützung sozialer Bewegungen einen Einfluss auf Politik und Kultur, auf die Lebensbedingungen der Bürgerinnen und Bürger? Sollten sich Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen in Europa ein Vorbild an den brasilianischen Kolleginnen und Kollegen nehmen und sich in puncto Politik kämpferischer zeigen?

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