• David

Extrem Orientiert


In einer Gesellschaft, die von einer nahezu unendlichen Wertevielfalt geprägt ist, wird die Orientierung immer schwieriger. Dauernd gilt es, Entscheidungen zu treffen, eigene Meinungen zu bilden, sich Ziele zu setzen. Die Verlockungen sind genau so zahlreich, wie die Ratschläge unterschiedlich. Die Werbung suggeriert uns eine Welt der unendlichen Möglichkeiten, der unendlichen Freiheiten und der ewigen Jugend.

In diesem Kontext frage ich mich, wie es wohl sein mag, in so einer Welt aufzuwachsen? Ist es eher ein Fluch oder doch eher ein Segen? Vermutlich beides - und das gleichzeitig. - Es muss eine unglaublich grosse Herausforderung sein, in der Vielfalt der Möglichkeiten ständig Entscheidungen treffen zu müssen. Auf die Dauer mag dieser Zwang zu Entscheiden ganz schön anstrengend sein und so manche/r wünschte sich wohl manchmal etwas mehr Übersicht, etwas weniger Vielfalt und vor allem eins: mehr Orientierung.

Extreme, radikale Positionen - wie sie uns aktuell in der Politik begegen, mögen diesbezüglich ganz schön attraktiv sein. Sie bieten nämlich die totale Orientierung: hier gibt es keine Vielfallt, keine Grautöne zwischen Schwarz und Weiss - im Extremfall nicht einmal ein Schwarz neben dem Weiss. Klarheit und Orientierung durch Einseitigkeit machen Entscheidungen einfach. Die Schönheit der Vielfalt wird als Gefahr, die andere Seite als der Feind bezeichnet, das Prinzip der Gleichheit aller Menschen wird negiert. Leider halten solche Meinungen, auch dank oder besser wegen der Sozialen Medien vermehrt und ungefiltert Einzug in unseren Alltag und erreichen auch Menschen, die mit der Vielfalt in unserer Welt ohnehin schon überfordert sind oder Mühe haben, sich in dieser zu orientieren. Einige dieser Menschen sind auch unsere Klienten. Jugendliche zum Beispiel. Und Jugendliche brauchen Lernfelder, in denen sie experimentieren und sich entwickeln können. Sie brauchen Orte, wo sie ihre Meinungen kundtun, diskutieren und reifen lassen können. Sie brauchen Raum, wo Fehler akzeptiert werden und Menschen ihnen mit Toleranz und Akzeptanz begegnen. Sie brauchen Möglichkeiten, um sich in der Vielfalt dieser Welt orientieren und Entscheidungen treffen zu können.

Die Soziale Arbeit kann im Dschungel der Vielfalt und Diversität ein wichtiger Wegweiser sein. Wir begleiten Menschen in Ihrem Alltag, haben ein Wissen von sozialpolitischen Prozessen und Abhängigkeiten, kennen den Wert der Vielfalt für unsere Gesellschaft und können diesen auch begründen. Von daher ist es eine unserer wichtigen Aufgaben, Orientierung zu bieten, der Einseitigkeit mit Vielfalt begegnen, sich für die Gleichheit aller Menschen und Lebensstile einsetzen.

Ich finde: Wir dürften unsere Meinung ruhig noch etwas mehr in die Öffentlichkeit tragen, sollten präsenter in den Sozialen Medien sein, sollten den einseitigen Meinungen der Populisten und Extremisten mit Mut und Argumenten entgegentreten und dadurch Menschen eine bessere Ortientierung zu ermöglichen.

Und was meinst du?

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