• Daniela

Zen & Soziales Engagement


Wer Zen macht, sitzt auf einem Kissen, die Augen halb geschlossen, gegen eine Wand gerichtet und - meditiert auf dem Weg hin zu seiner Erleuchtung. Das ist wahrscheinlich das, was man sieht, weiss oder sich vorstellt unter Zen, und bestimmt fallen einigen von euch noch weitere Stichworte dazu ein. Als ich vor Jahren die erste Zen-Einführung im Lassallehaus besuchte, lernte ich all die Rituale und Regeln kennen, hörte mir zum ersten Mal eine Unterweisung an, von der ich nur die Hälfte verstand und begann mich dann später mit den verschiedenen Meditationsformen auseinander zu setzen.

Und immer wieder, wenn ich über Zen, Buddhismus oder Meditation lese, zeigen sich für mich Verbindungen mit der Sozialen Arbeit. Gewiss, Zazen heisst sitzen in Versenkung und in einem Zazenkai oder Sesshin sitzen wir für uns in der Gruppe, versenken uns in uns selbst. Was hat das mit Sozialer Arbeit zu tun, wo die Aufgabe doch eher darin liegt, etwas für andere zu tun?

In den letzten Jahren bewegte sich Zen zunehmend vom Zendo und von der Dharma-Halle raus auf die Strasse, unter die Leute und brachte Zen dahin, wo das Leben nicht immer so wohlgeordnet läuft. Da werden Zazenkais mit Obdachlosen auf der Strasse durchgeführt, in Flüchtlingscamps in Chiappas und die Zen Peacemakers treffen sich jährlich in Auschwitz zum Bearing Witness Retreat. Zenmeister Bernie Glassmann ist Begründer der Zen Peacemakers. In einem Gespräch mit Konstantin Wecker meinte er: "Es ist einfach, auf das Leben anderer Menschen zu blicken und festzustellen, was bei ihnen schief läuft. Weit schwieriger ist es, das System zu durchblicken, das die Menschen erst dahin bringt, dass alles in ihrem Leben schief läuft, das ihre Wahlmöglichkeit und ihre Handlungsfreiheit einschränkt, das sie einzwängt und unter Druck setzt und dann, wenn sie gescheitert sind, wie Müll zur Seite wirft. Über viele Jahre hinweg hatte ich die Zen-Meditation als das Mittel für individuelle Veränderung und Transformation gelehrt. Doch nun sah ich mich mit der Frage konfrontiert: Wie können wir das System, in dem wir leben, verändern?"

Sind das nicht Fragen, mit denen wir uns als Sozialarbeitende immer wieder konfrontiert sehen? Fragen, die ich als Dozentin immer wieder mit meinen Studierenden diskutiere. Wieviel Engagement braucht es als sozial Tätige, als professionelle Sozialarbeiterin oder als Sozialpädagoge? Reicht es, das zu machen, wofür ich angestellt bin? Irgend jemand meinte einmal, dieser idealistische Anspruch an die Soziale Arbeit sei eine Zumutung. Eine Zu-Mut-ung...ja, vielleicht braucht es Mut, etwas anders zu machen, als es gefordert ist, oder etwas überhaupt zu machen.

Doch, um noch einmal Bernhard Glassmann zu zitieren: "Wenn wir auf jemanden treffen, der hungrig ist, dann müssen wir ihm zu essen geben. Das spricht uns aber nicht davon frei, uns für ein besseres Sozialsystem zu engagieren, in dem niemand mehr hungern muss."

Dieses Zitat bringt es für mich ziemlich genau auf den Punkt. Ob man das nun als Sozialarbeitende für sich (und/oder für die Profession der Sozialen Arbeit) als gültig erklären mag oder dies als ganz individuelle, moralische Verpflichtung anschaut, finde ich persönlich zweitrangig. Wichtig ist das TUN.

Als Bernhard Glassmann damit begann Zen auf die Strassen, raus aus den "heiligen Hallen" zu tragen, wurde er mit viel Kritik konfrontiert. Das war vor über 20 Jahren, denn 2016 wird das Auschwitz-Retreat zum 21. Mal durchgeführt. Soziales Engagement kennt viele Facetten. Nehmen wir die Zu-MUT-ung also an.

Lesen oder Video schauen?

Konstantin Wecker, Bernhard Glassmann (2011): Es geht ums Tun und nicht ums Siegen. Engagement zwischen Wut und Zärtlichkeit, Kösel-Verlag, München

Youtube-Video "Wenn Zen auf die Strasse geht"

© 2016 - 2020 by Talkingsocialwork